Mittwoch, 10. Februar 2016

Abschiedsinterview mit Herrn Clemens

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Nach einunddreißigeinhalb Jahren auf dem Goethe-Gymnasium Kassel ist Schluss: Unser Mathe- und Physiklehrer Herr Clemens geht zum Halbjahreswechsel in den Ruhestand. Wir trafen ihn zu einem Gespräch, in dem deutlich wurde, dass in Anbetracht des Abschieds das gesamte Spektrum zwischen Wehmut und Erleichterung abgedeckt ist. Wir wünschen Herrn Clemens einen tollen Ruhestand und euch viel Spaß beim Lesen des Interviews!

 

Herr Clemens 1987

 

Herr Clemens, nahezu Ihr gesamtes Arbeitsleben haben Sie als Lehrer am Goethe-Gymnasium Kassel verbracht, jetzt kommt der Ruhestand. Sind Sie eher wehmütig oder erleichtert?

„Das ist eine schwierige Frage, weil mir vieles aus meinem Arbeitsalltag fehlen wird. Ich war immer sehr gerne Lehrer und habe die Arbeit genossen. Allerdings ist es ein recht anstrengender Beruf, weshalb ich mich auch darauf freue, zeitgleich mit meiner Frau zum Halbjahreswechsel in Pension gehen zu können.“

 

Wenn Sie noch einmal neu anfangen könnten: Würden Sie rückblickend wieder Lehrer werden?

„Ja, auf jeden Fall. Es gibt kaum einen Beruf, der so abwechslungsreich und vielfältig ist. Gerade Mathematik und Physik sind zwei Fächer, die nicht allen Schülern leichtfallen. Innerhalb der Klassen gibt es oft ein breites Leistungsspektrum, trotzdem muss man immer versuchen, möglichst vielen gerecht zu werden. Dadurch wird Kommunikation fast sogar noch wichtiger als der Unterrichtstoff selbst.“

 

Was werden Sie wohl am meisten an Ihrem Beruf vermissen?

„Fehlen wird mir sehr vieles, am meisten aber das Unterrichten selbst. Das Arbeiten mit jungen Menschen macht mir sehr viel Spaß und es ist ein tolles Gefühl zu wissen, dass man so vielen Jugendlichen etwas beibringen konnte. Ich denke in letzter Zeit häufig: ,Dieses Thema erkläre ich gerade zum letzten Mal‘ oder ,Dieses Experiment werde ich nicht wieder durchführen können.‘ Das lässt schon etwas Wehmut aufsteigen.“

 

Wenn Sie an Ihre Kindheit zurückdenken: Wollten Sie schon damals Lehrer werden?

„Nein, ich hätte das nie gedacht. Als Jugendlicher konnte ich mir einen Beruf im Vermessungswesen gut vorstellen, einen richtigen Wunsch gab es aber nicht. In der Schule haben mir Mathe und Physik immer Spaß bereitet, deshalb fing ich ein Studium für Diplom-Mathematik an. Trotzdem hatte ich nie im Sinn gehabt, Lehrer zu werden. Nach dem Studium im Referendariat ist mir aufgefallen, wie viel Freude mir das Unterrichten macht. Nach dreijähriger Tätigkeit als Lehrer an einem Marburger Gymnasium habe ich mich nach Kassel versetzen lassen.

 

In Ihrem Lehrerleben gab es sicherlich viele schöne und manche weniger schöne Ereignisse. Woran erinnern Sie sich besonders gerne?

„Oh, da muss ich erst überlegen, weil es viele tolle Momente gab! Auf jeden Fall gehört das Gefühl dazu, wenn ich merke, dass Schüler etwas verstanden haben. Als Lehrer gibt es kaum etwas Schöneres, als den Schülern anzusehen, dass es ,klick‘ gemacht hat.‘“

 

Was ist Ihrer Meinung nach als Lehrer mit am anstrengendsten?

„Ich denke, dass die größte Herausforderung überhaupt ist, Klassenlehrer in der Mittelstufe zu sein. Durch die Pubertät gibt es sehr viele Probleme mit Mitschülern und schulischen Leistungen, dementsprechend viele Schüler- und Elterngespräche muss man als Klassenlehrer führen. Ich selbst hatte dieses Amt häufig. Gerne habe ich die Herausforderung angenommen. Lieber war ich aber Tutor in der Oberstufe.“

 

Von Samstagsunterricht bis zum Smartboard: Inwiefern hat sich der Unterricht in den letzten 30 Jahren verändert?

„Da hat sich ganz viel getan, sowohl im Unterricht als auch in der Form des Stundenplanes. Auffallend ist, dass immer mehr Schulstunden auf den Nachmittag verlegt wurden. Was mit der Abschaffung des Samstagsunterrichtes begann, wurde durch G8 noch verstärkt. Am bedeutendsten ist aber definitiv der Einfluss durch die neuen Medien, weil sich durch die entstandenen Möglichkeiten die Art des Unterrichtens stark verändert hat.

 

Und wie sieht das mit uns Schülern aus?

„Im Grunde genommen habt ihr Schüler euch nicht groß verändert. Allerdings habe ich manchmal das Gefühl, dass auf den Jugendlichen heute mehr Druck lastet als früher. Das zeigt sich oft daran, dass immer häufiger Hausaufgaben nicht erledigt werden, weil die Schüler dafür keine Zeit hatten. Ein Grund dafür ist sicherlich die extreme Veränderung durch die zunehmende Technisierung. Der Umgang zwischen Schülern und Lehrern ist aber viel lockerer geworden.“

 

Es ist nachmittags und draußen scheint die Sonne, aber Sie müssen mit ihren Schülern im Gebäude Unterricht machen. Wie schaffen Sie es, in solchen Situationen sich selbst und am besten auch noch Ihre Schüler zu motivieren?

„Selbstmotivation ist nicht so schwer, weil das einfach ein Pflichtgefühl ist, seinen Job gut und verantwortungsbewusst auszuüben. Außerdem macht es mir Spaß, mit jungen Leuten zu arbeiten. Mit den Schülern ist das in der Tat schwieriger. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es am besten ist, konzentriert am Stoff dran zu bleiben und sich nicht ablenken zu lassen.“

 

Wenn wir schon mal bei dem Thema sind: Was finden Sie am langweiligsten beziehungsweise am spannendsten in Ihren eigenen Fächern?

„Am uninteressantesten ist definitiv die Aufsicht bei Klausuren. Normalerweise schaue ich auf die Uhr und merke: Oh, nur noch fünf Minuten! Hier aber will und will die Zeit nicht rumgehen.
Was mir hingegen am meisten Spaß bereitet, kann ich schlecht sagen, weil es einfach so viele tolle Elemente in Physik und der Mathematik gibt. Extrem spannend waren zum Beispiel immer die richtig großen Experimente in den Physik-LKs, wie die Massebestimmung eines Elektrons. Es ist erstaunlich, dass man so etwas mit unseren Möglichkeiten in der Schule durchführen kann.“

 

Fällt Ihnen eine besondere Geschichte aus Ihren Anfängen als Lehrer ein?

„Wie es meine Schüler vielleicht bemerkt haben, zähle ich nach einer Klassenarbeit immer mindestens zweimal die Anzahl der Hefte nach. Beim Korrigieren einer meiner ersten Arbeiten ist mir aufgefallen, dass die einer Schülerin fehlte. Also bin ich so schnell wie möglich zu ihr nach Hause gefahren. Sie hatte nicht schlecht gestaunt, als plötzlich ihr Mathematiklehrer an der Tür stand! Meine Frage, ob sie wisse,
warum ich hier sei, verneinte sie. Ich bat sie, mir ihre Schultasche zu bringen, in der sich dann auch das Arbeitsheft befand. Zum Glück hatte die Schülerin es noch nicht bemerkt gehabt, dass sie es nach der Prüfung ohne nachzudenken wie ein ganz normales Heft eingesteckt hatte, sodass ich die Arbeit noch werten konnte.
Seitdem zähle ich lieber einmal mehr durch, anstatt wieder einen Schüler zuhause überraschen zu müssen!“

 

Was möchten Sie den Schülern des Goethe-Gymnasium Kassels zum Abschied noch auf den Weg geben?

„Wenn meine Klasse Probleme mit anderen Lehrern hatte, habe ich oft gesagt:
Nicht nur Schüler sind so, wie sie sind, sondern auch die Lehrer. Deshalb ist es manchmal besser, sich mit der Persönlichkeit abzufinden. Lieber sollte man versuchen, als Schüler aus den Lehrern das Beste für sich selbst herauszuholen. Das ist zwar nicht immer einfach, aber auch im späteren Leben muss man mit ganz unterschiedlichen Personen klarkommen.“

 

Herr Clemens, ich bedanke mich sehr bei Ihnen, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben, und wünsche Ihnen und Ihrer Frau einen guten Start in den Ruhestand.

Das Goethe-Gymnasium Kassel wird Sie vermissen!

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